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Achtsamkeit in guten und in schlechten Tagen

Sehr persönliche Geschichte zum Thema Achtsamkeit in Krisensituationen

Ein Credo von mir lautet: "Hinter dem Leid liegt das Glück". 

Das habe ich buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als ich Ende April diesen Jahres plötzlich so schwer an einer Entzündung erkrankt bin, dass ich beinahe daran gestorben wäre.

Das war natürlich ein Schock! Denn ich ernähre mich überwiegend gut, rauche und trinke nicht, achte auf meine Gesundheit, bin aktiv und sportlich, nehme allerhöchstens mal eine Schmerztablette, wenn es gar nicht mehr anders geht und war bis dahin das letzte Mal im Krankenhaus, als mein Sohn vor 21 Jahren geboren wurde.

Interessanterweise war der Auslöser (nicht die Ursache) meiner Krankheit ein Konflikt. Das auch noch. Es gab Momente, da war ich fassungslos, warum ausgerechnet ich, die Seminare für Achtsamkeit und Konfliktbewältigung anbietet, durch einen Konflikt körperlich beinahe zur Strecke gebracht wird.

Wie konnte das also passieren? Das habe ich auch einen Arzt gefragt, der mir folgende, für einen Naturwissenschaftler ungewöhnliche, Antwort gab: "Ehrlich gesagt: Schicksal!"

Ach ja! Logisch eigentlich, denn was ich selbst allzu gerne vergesse, wenn ich Achtsamkeit praktiziere, ist: Achtsamkeit dient nicht dazu, Leiden zu verhindern. Leiden gehört zum Leben dazu. Wir lernen daraus. Außerdem geschieht durch das Überwinden von Leiden Heilung. Auf dem Weg zur Heilung kann Achtsamkeit helfen, sich nicht in im Leid zu verlieren und zu verzweifeln, sondern zu beobachten, was an Gedanken und Gefühlen im jeweiligen Augenblick entsteht.

Also habe ich überwiegend das gemacht, was ein Achtsamkeitscoach tun muss: Ich habe geatmet. Durch den Schmerz geatmet, durch die Verzweiflung geatmet, durch die Angst geatmet - so gut es jeweils ging. Sonst wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes ohnmächtig geworden.

Es hat mich allerdings schon Mut gekostet, diese Achtsamkeitspraxis auch im Krankenhaus umzusetzen. Doch ich bin gesegnet mit Humor und so habe ich mich von einem schlechten Witz zum nächsten gehangelt. Außerdem habe ich erklärt, dass man sich nicht um das Geatme und Gestöhne kümmern soll, ich müsse das so machen, sonst würde ich den Schmerz nicht bewältigen können. "Hören Sie ja nicht damit auf!" kam zur Antwort. Oder: "Ich verstehe nicht, wie Sie bei den Entzündungswerten noch über den Flur laufen können" "Achtsamkeit!", habe ich hervorgepresst. Das hat zwar für Gelächter gesorgt, weil ich kaum sprechen konnte, aber es war wahr.

Obendrein muss ich sagen, hatte ich sehr viel Glück! ich bin in ein Krankenhaus eingeliefert worden, in dem man auf Pflege geachtet hat: Nicht nur einmal kam es vor, dass ich ermahnt wurde, doch bitte zu schellen, es könne überhaupt nicht sein, dass ich nichts brauche. "Igitt, Ihr Tee ist kalt. Das geht ja gar nicht. Ich hole Ihnen sofort einen frischen.", habe ich nicht nur einmal erlebt. Die Ärztin, die mich operiert hat, hat sich nach der Operation zu mir aufs Bett gesetzt und mir detailliert erzählt, wie sie operiert hat und was das bedeutet.

Außerdem haben sich alle meine Freunde und fast alle meiner Seminarteilnehmer (ich musste viel absagen) rührend um mich gekümmert. Wenn Ihr das lest: An dieser Stelle ein dickes Dankeschön! Mir ist so viel Liebe begegnet, dass ich immer noch ganz überwältigt und gerührt bin, wenn ich daran denke. Als ich meine Arbeit wieder aufgenommen habe, flossen bei vielen, von denen ich es nichtmal geahnt habe, Tränen der Erleichterung. Menschen aus meinem Umfeld haben für mich gebetet - zur gleichen Zeit, obwohl sie sich nicht kannten und teilweise in anderen Ländern wohnen und die Uhrzeit der OP nicht kannten, weil das spontan entschieden wurde. Das finde ich wunderbar, denn ich habe gemerkt: Wir sind alle miteiander verbunden, auch wenn wir das oft nicht ahnen.

Bei dem Auslöser der Krankheit ging es um einen Streit, der sich daran entzündete, dass ich zu viel Zeit für meine Seminare, Singkreise und körpertherapeutische Arbeit aufwenden würde. Derjenige forderte, kürzer zu treten, um mehr Zeit für ihn zu haben. Die finanzielle Sicherheit, die ich dadurch erlangt hätte, war verlockend, aber ich habe "Nein" gesagt. Der Preis war mir zu hoch!

Und genau darum ging es: Mir wurde nochmal deutlich, wieviel mir mein Institut, meine Arbeit und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, bedeuten und wie sehr auch die Menschen in meinem Umfeld positiv durch meine Arbeit angeregt werden und mich als "Mutmacherin" sehen.

Krankheit und Leid kann uns also auf den Weg führen, sich grundsätzliche Fragen zur eigenen Lebensaufgabe zu stellen und diese immer wieder neu zu ergreifen. Es ist wichtig, mutig zu sein, das Leben beim Schopfe zu packen. Man wird immer getragen: Durch Freunde und sogar durch Menschen, die man bis dahin nur kaum kannte, denen man aber durch die Arbeit aus dem eigenen Herzen heraus wahrhaft begegnet ist.

Ich habe so viel Solidarität, Verbundenheit und Liebe erlebt während der Krankheitstage und danach, wie nie zuvor in meinem Leben.

Darüber bin ich so glücklich. Ich bin auch glücklich, dass ich weiter arbeiten kann. Dankbar bin ich vor allem, dass ich das Glück hatte, wieder vollständig zu genesen. Das größte Glück, und ich werde nicht müde, das zu betonen, ist jedoch die Liebe, die mir begegnet ist, die da ist, und die mich immer noch trägt.

Ich weiß nicht, wer sich daran erinnert, dass vor einigen Jahren bei der Fernsehsendung "Wetten dass...?" im ZDF vor laufender Kamera ein junger Mann bei einer Wette schwer verunglückt ist und zwar überlebt hat, jedoch aufgrund der dabei erlittenen Querschnittslähmung seine sportlichen Pläne aufgeben musste. Dieser junge Mann hat  mich damals beeindruckt: Nach einer gewissen Zeit hat er einen Fallschirmsprung gemacht und von einem Fernsehteam gefilmt und gefragt, wie es sich anfühlen würde, jetzt nach so einem Schicksalsschlag diesen Sprung zu wagen. Er schüttelte beinahe ein bisschen unwillig den Kopf und meinte: "Wissen Sie, mir geht es gut! Mir ist so viel Liebe entgegengebracht worden. Das hat mir bei der Heilung geholfen. Ich denke immer: Was ich an Liebe empfange, das gebe ich sofort wieder weiter. Das behalte ich nicht für mich"

Das werde ich nun ebenfalls versuchen und ich hoffe, dass die Liebe zu den Menschen, die mir begegnen und die mit mir zusammen arbeiten, spürbar sein wird.

Ich hoffe außerdem, dass diese sehr persönlichen Worte vielen Menschen Mut und Zuversicht auch in Leidenstagen geben können.

Nach langer Rekonvaleszenz geht es nun wieder fröhlich in die Zukunft: Als nächstes kommt das Pax Terra Musica - Friedensfestival, auf dem ich einen kleinen workshop zum Thema Achtsamkeit und Friedensbewegung anbieten werde.

Außerdem ist von meiner Freundin Andrea Drescher das Buchprojekt "Wir sind Frieden" fertig geworden und noch vieles anderes Spannendes wird passieren. Ich erzähle später mehr davon.

Ich hoffe, wir sehen uns bei einer dieser Gelegenheiten wieder. Ich freue mich schon darauf.

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