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Mensch erkenne Dich selbst!

Am 1. Dezember in Berlin - Achtsamkeit und Konflikt - Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

Ein Experiment

Stellen Sie sich vor, dass sie Urlaub in Thailand machen. Es ist ein warmer Abend und sie sitzen mit einer Gruppe Menschen am Strand um ein Lagerfeuer herum. Sie singen zusammen und reden bei einer Flasche Wein über Reisen, über ihr Haustier und über den Bestseller, den alle gelesen haben und toll finden. Am Ende sind sie glücklich, neue Freunde getroffen zu haben.

Stellen Sie sich nun vor, dass Sie nach Ihrem Urlaub Ihren besten Freund treffen. Sie erzählen ihm begeistert von ihrem Aufenthalt in Thailand und ihren neuen Freunden. Ihr Freund hört sich alles an und sagt schließlich mit ruhiger Miene: „Mein Freund, lass Dir sagen: Du hast keine neuen Freunde gefunden. Du hast auch kein neues Land entdeckt. Du hast nur das Land Deiner Vorstellung besucht und nur Freunde getroffen, die Du ohnehin schon kennst. Du hättest zu Hause bleiben können. Deine Vorstellungen haben sich durch die Reise nicht gewandelt und Deine Gewohnheiten und Vorlieben ebenfalls nicht. Von Deinen Freunden erzählst Du mir, dass sie das lieben, was Du liebst, dass sie die Bücher lesen, die Du liest. Du hast Dich auf vertrautem Terrain bewegt. Dazu hättest Du nicht in ein Flugzeug steigen müssen. Es tut mir leid zu hören, dass Du so einen furchtbaren Urlaub hattest.“

Halten Sie einen Moment inne und beobachten: Was geht Ihnen durch den Kopf? Wie würden Sie reagieren? Was hätten Sie Ihrem Freund geantwortet? Wären Sie noch mit ihm befreundet? Wären Sie sauer geworden? Hätten Sie ihrem Freund entgegengeschleudert, dass er ja nur neidisch sei, weil er es sich nicht leisten könne nach Thailand zu fliegen? Hätten Sie sofort geantwortet oder geschwiegen? Wären Sie vielleicht aufgestanden und gegangen? Oder hätten Sie es einfach überhört und darauf bestanden, dass Sie ihren Urlaub nun mal toll fanden, soll er doch denken, was er will?

Konflikt als echte Begegnung

Das kleine gedankliche Experiment, zu dem ich Sie eingeladen habe, macht deutlich, dass es nicht darauf ankommt, einem anderen Menschen so zu begegnen, dass dieser einem in möglichst vielen Meinungen und Vorstellungen gleicht. Das kann man natürlich so machen, doch man begegnet sich dann oberflächlich. Das ist ja auch okay. Eine Begegnung mit einem anderen Menschen kann jedoch so sein, dass man den anderen in seiner Ganzheit und damit auch seiner Verschiedenheit von einem selbst wahrnehmen kann. Dazu sind zwei Dinge wichtig: Ein Mensch, der bereit ist, Verschiedenheit auch deutlich zu machen, also seine Meinung ehrlich zu sagen. Zweitens ist nötig, dass man geübt darin ist, sich selbst wahrzunehmen und dass man zumindest eine Ahnung davon hat, wer man wirklich ist. Um das herauszufinden ist die Frage wichtig: Was denke ich, was fühle ich?

Achtsamkeit

Das ist Achtsamkeit. Man geht in eine Art Distanz, so als ob man von einem kleinen Hügel am Straßenrand aus den Verkehr beobachtet. Man sieht seine Gedanken und Gefühle vorbeiziehen wie Laster, kleine Autos, Pferdegespanne, große Luxusfahrzeuge, Fahrräder. Achtsamkeit bedeutet nicht, die Gedanken zu verhindern und sich „leer“ zu machen. Das wäre so, als würde man auf die befahrende Straße rennen und versuchen, den stark fließenden Verkehr anzuhalten. Achtsamkeit bedeutet auch, dass man sich nicht mit den eigenen Gefühlen und Gedanken identifiziert. Das wäre so, als würde man einem der Fahrzeuge nachlaufen, um es einzuholen, damit man es betrachten kann.
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Setzen wir unser gedankliches Experiment also fort. Ihr Freund in der Heimat hat Ihre Begeisterung nicht geteilt. Sie sind sauer und gekränkt: „Kann der sich nicht einfach mitfreuen? Und dann noch so esoterisch herablassend. Dieser Hanswurst.“ Ehe Sie sich versehen, schreien Sie ihn an, dass Sie ja wohl nichts dafür können, wenn er so ein Loser ist, der sich keinen Urlaub leisten kann und außerdem könne er sich ja dann jetzt mal neue Freunde suchen, denn die Freundschaft zwischen Ihnen beiden sei zu Ende. Sie stoßen wütend das Weinglas und den Stuhl um und gehen.

Zu Hause jedoch denken Sie nach: „Ist das jetzt wirklich nötig gewesen?“ Sie bekommen ein schlechtes Gewissen. Irgendwie hat er ja nicht ganz unrecht gehabt. Er hat da so einen Knopf gedrückt. „Wenn ich glaube, dass mich jemand als oberflächlich ansieht, sehe ich rot. Da kann er ja nichts dafür. Trotzdem blöd. Ich hätte halt gerne gehabt, dass er sich einfach mitfreut. Wenn es mir schonmal gut geht. Abwerten geht aber gar nicht.“
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Fazit. Es ist ganz natürlich, dass auch prinzipiell friedfertige Menschen in Konflikt geraten können. Es geht hauptsächlich darum zu verstehen, was in einem selbst und in Konflikten grundsätzlich abläuft. Dabei ist es gut, die eigenen Vorstellungen und (gedanklichen) Gewohnheiten zu hinterfragen. Vielleicht antworten Sie dann „Schön, ich freue mich drauf“, wenn Ihnen jemand im Streit zuruft „Sie werden mich noch kennenlernen!“. Es könnte ein neuer Freund sein.

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