Wie Selbstfürsorge im Umgang mit Social Media aussehen kann.
Gleich vorneweg: Ich liebe Facebook und Insta. Doch es gibt ein großes Aber. Ich liebe es deshalb, weil ich bestimmte Dinge dort nicht mache, weil sie nicht der richtige Ort sind.
Ich bin viel in Facebook-Gruppen unterwegs, weil ich den Austausch wichtig finde und es doch hier und da schöne Anregungen gibt, oder Diskussionen zu einem Thema, das mich gerade bewegt.
💬 Dort begegnet mir allerdings ein Satz am häufigsten. Ja, ich habe tatsächlich nachgezählt: An einem Tag in fünf verschiedenen Gruppen taucht dieser Satz in 5 von 10 Posts, in dieser oder ähnlich formulierten Weise auf: Ich muss mich mal auskotzen.
Meist ist es eigentlich gar kein Auskotzen, sondern eine Leidensgeschichte, die ich da lese, und ich höre raus, dass schon ordentlich Druck auf dem Kessel ist, und Not und Verzweiflung groß.
💔 Zum Beispiel
Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn im Teenager-Alter sie auf offener Straße als „Scheiß-Kuh, hau ab!“ anbrüllt, und sie zu Hause tritt, beißt und schlägt, sobald er frustriert ist. Sie sagt, sie liebt ihn, kann aber nicht mit ihm zusammenleben, und er lebt auch seit er 16 Jahre alt ist im betreuten Wohnen, erzählt sie.
Berührt hat mich auch die Geschichte einer Frau, die eines morgens einen Zettel im Stil von „Bin dann mal weg, halte es nicht mehr aus“ von ihrem Mann auf dem Tisch vorfindet und sich nun fragt, wie sie ihr Kind finanziell durchbringen soll.
Eine andere Mutter beschreibt ihren Frust mit den Hindernissen, die ihr von Pädagogen, Ärzten und Behörden statt Hilfe angeboten werden, und schreibt: „In Wahrheit gibt es keine Gleichheit, nur Standard-Konzepte.“ Sie fühlt sich nicht unterstützt, und es klingt Verzweiflung raus.
Nicht zuletzt erzählt nicht selten eine Mama mit einem Baby, das viel und heftig schreit, deren Beziehung gerade auf der Kippe steht, weil nichts mehr ist wie es war: Sie fühlt sich von ihrem Mann nicht unterstützt, weil er ihr nicht so hilft, dass sie es als echte Hilfe empfindet.
💬 Man könnte meinen
Man könnte meinen, dass es in Gruppen, in denen es ausdrücklich um Mamas und/oder ADHS-Eltern geht, tiefes Mitgefühl und ähnliche Erfahrungen gibt.
O-Töne aus den Kommentarspalten dieser Posts:
❝ „Du musst einfach mal nur den Hintern hochkriegen.“
❝ „Dein Text ist total wirr. Das ist ja ein einziges Durcheinander.“
❝ „Du willst gar keine Veränderung.“
❝ „Also, wie kannst du nur ans Geld denken jetzt. Dein Mann will sich wahrscheinlich umbringen.“
❝ „Stell mal deine negativen Gedanken ab.“
❝ „Dein Mann tut mir einfach nur leid.“
❝ „Das, was du sagst, kann ja nicht stimmen.“
❝ „Komm mal aus deiner Opferrolle raus.“
❝ „Du suchst doch das Haar in der Suppe.“
❝ „Realistisch bist du auch ‚schuld‘ an seinem Verhalten.“
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt, denn natürlich gab es auch „Fühl dich gedrückt“, „Kenne ich“ und „Du beschreibst meine Situation“ – aber diese Beiträge hatten viel, viel weniger Likes und konnten sich kaum durchsetzen gegen die, die nichts weiter zu bieten hatten als „Du musst…“, „Du sollst…“ oder „Du bist…“.
⚠️ Was ist an den Kommentaren so schlimm
Jemand beschreibt seine Situation, vielleicht auch nicht literarisch druckreifer Form, und anstatt die Klappe zu halten, was ja auch eine Option wäre, entscheidet sich die Kommentatorin, draufzuhauen, besserwisserisch zu sein, normativ und sogar übergriffig zu sein.
Jemandem zu sagen, er solle doch mal einfach seine negativen Gefühle abstellen, ist so ziemlich das Unempathischste, das man jemandem sagen kann, der verzweifelt um Hilfe bittet.
Ich bin regelmäßig entsetzt über die Vielzahl an Abwertungen gegenüber jemandem, der einem vermeintlich schwächer vorkommt als man selbst, sodass man es nötig zu haben scheint, sich größer zu fühlen, wenn man jemand anderen klein macht.
Nix mit Solidarität und Empathie unter Müttern. Fehlanzeige von Toleranz und Akzeptanz von dem, was anders ist.
Und das bei denen, die gegenüber ihrem Kind und generell diese Toleranz und Akzeptanz an anderer Stelle lautstark einfordern.
🌿 Glücklicherweise …
Glücklicherweise ist Facebook kein exaktes Abbild unserer Gesellschaft. Es ist nur ein Ausschnitt. Und Facebook-Gruppen sind obendrein noch ein Ausschnitt aus dem Ausschnitt.
Kurz: nicht repräsentativ.
💡Mein Tipp:
Wenn du verzweifelt bist und Rat brauchst: Sieh dich nach anderen Menschen um, die im Idealfall auch etwas von der Situation verstehen, in der du dich befindest.
Ich sag’s, wie’s ist: Ich bin Coach für ADHS-Eltern – genau deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der dich stärkt, anstatt dir noch mehr Vorwürfe zu machen.
Falls du merkst, dass du genau so jemanden brauchst: Ich biete dafür das „Kläre deine Situation“-Gespräch an.
https://www.borowita.de/kontakt-christiane-borowy/erstgespraech-christiane-borowy/
Doch es gibt noch mehr Möglichkeiten:
🤝 Selbsthilfegruppen für ADHS-Eltern
In manchen Orten gibt es Selbsthilfegruppen für ADHS und/oder ADHS-Eltern. Recherchieren kannst du hier, beim Verein ADHS Deutschland:
https://adhs-deutschland.de
Da gibt es auch richtig gute Artikel, und die Wahrscheinlichkeit, dass da ein Tipp für dich dabei ist, ist wesentlich höher als auf Facebook. Du kannst dort auch einfach anrufen oder eine Mail schreiben.
Es lohnt sich mehr, das auszuprobieren, als sich auf Facebook von selbsternannten Expertinnen noch einen drüber geben zu lassen.
🆘 Hilfetelefone bei Gewalt und Überforderung
- „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016 (24/7, kostenlos, mehrsprachig).
Auch wenn die Gewalt vom Kind ausgeht: Sie hören zu, beraten zu Schutz und nächsten Schritten.
- „Nummer gegen Kummer – Elterntelefon“: 0800 111 0 550 (Mo/Mi/Fr 9–17, Di/Do 9–19)
🏠 Familienhilfe und Beratungsstellen
Verhaltenstherapeutische Familienhilfe oder Erziehungsberatungsstellen (ohne Meldung an das Jugendamt), zum Beispiel bei Verbänden wie Caritas oder AWO.
Dort gibt es kostenlose Beratung, auch beim Thema Gewalt gegen Eltern.
🎒 Nachteilsausgleich in der Schule
Sprich mit der Schule über Nachteilsausgleich – am besten mit konkreten Angaben wie „Mein Kind braucht für Aufgaben mehr Zeit“ oder „Mein Kind braucht reduzierte Hausaufgaben“.
Es gibt da einiges an Spielraum, aber du musst direkt ansprechen und konkret sagen, was dein Kind braucht.
🩺 Angebote der Krankenkasse
Nicht zuletzt gibt es sogar bei der Krankenkasse Elterntrainings, Plätze für Ergotherapie etc.
Auch das ist eine Möglichkeit, und wer weiß, da lernst du vielleicht sogar bei einem Kurs wirklich Gleichgesinnte kennen.
🌱 Mein Fazit
Verzweifelt auf Facebook auskotzen? Tu es nicht. Lass es einfach. Danke mir später.