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Erstgespräch
  • 7 . Juni 2026

ADHS-Eltern: Auf die richtige Beziehung kommt es an

Eltern von ADHS-Kindern werden oft für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich gemacht. Doch ADHS ist keine Frage der „richtigen Erziehung“. Entscheidend ist eine stabile, unterstützende Beziehung. Statt Schuldzuweisungen und Ratschlägen brauchen betroffene Familien Verständnis, Entlastung und Unterstützung. Denn Beziehung hilft mehr als Druck.

Inhaltsverzeichnis

  • von Christiane Borowy

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„Da kommt es einfach nur auf die richtige Erziehung an.“

Eltern von ADHS-Kindern hören diesen Satz unzählige Male – in der Schule, im Kindergarten oder sogar auf Familienfeiern. ❗ Warum dieser Satz so gefährlich ist.

Anna (Name von der Autorin geändert) hat ihn in verschiedenen Varianten gehört, seit ihr Sohn geboren ist. Denn schon als Baby hat er stundenlang geschrien und ließ sich durch nichts beruhigen. „Schon im Babyalter musst du auf richtige Erziehung achten. Du musst ihn einfach auch mal schreien lassen. Das war bei dir früher das einzige, das geholfen hat“, hörte sie von ihrer Mutter. Also ließ sie ihr Kind schreien – damit sie mal duschen konnte. Und hat heute noch ein schlechtes Gewissen deswegen. Inzwischen weiß man, welchen Schaden das für die psychische Entwicklung von Babys bedeutet.

„Babys müssen an die frische Luft. Sie brauchen doch Licht.“ Also ging Anna, völlig fertig nach durchgeschrieenen Nächten, früh morgens mit dem Kinderwagen spazieren. Ihr Sohn schrie den gesamten Weg ununterbrochen weiter. Die Nachbarin, die mit ihr im Schwangerschaftsgymnastik-Kurs war, kennt das Problem nicht und sagt bei einer Begegnung nur: „Oh, dein Kleiner ist aber nervös. Stillst du ihn denn richtig? Ernährst du dich richtig? Bei uns ist das alles kein Problem. Der Basti schläft schon seit einiger Zeit durch.“ Anna fragt sich mal wieder: 💭 Was mache ich nur falsch? Bin ich zu unruhig, weil mich allein schon dieser hohe Ton beim Schreien wahnsinnig macht?

Und dann der Einkauf. Im Supermarkt schmeißt sich ihr Sohn nicht auf den Boden und schreit, er wolle ein Eis. Nein. Er rastet komplett aus und tritt gegen Regale, so lange, bis der Inhalt auf dem Boden liegt. Anna ist hilflos, und peinlich ist es ihr auch. Die Leute gucken schon. Niemand kann helfen, aber von ihr wird die richtige Reaktion erwartet. „Also, zu meiner Zeit hat es das nicht gegeben. 💔 Eltern verstehen heutzutage einfach nicht mehr, dass es ihr Job ist, ihre Kinder richtig zu erziehen.„

Und nein, dieser Satz stammt nicht von einer alten Oma, die von „früher“ redet. Anna hört ihn gleich nochmal in einem Podcast, in dem eine ehemalige Leiterin des Jugendamtes das so ähnlich auch sagt. Anna glaubt, sie ist damit gemeint – und fühlt sich irgendwann wie eine Fehlbesetzung als Mutter. Das sagt sie auch, als sie zu mir ins Coaching kommt.

Im besten Fall können all diese „hilfreichen“ Bemerkungen gut gemeint sein. Sind sie aber selten. Inzwischen gibt es gute Hinweise darauf, wie wenig hilfreich solche Kommentare sind. 

Doch warum ist das so?

Wer seinen Schwerpunkt auf „richtige Erziehung“ legt, richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf andere. Die, die es falsch machen. Und die, die es richtig machen. Schon haben Tag und Weltbild wieder Struktur: Man selbst kommt auch nicht zurecht, weiß nicht, was gebraucht wird, wie man helfen soll – aber man ist wenigstens nicht so wie die, die einfach keine Ahnung von Erziehung haben. Also ist man irgendwie: besser.

Inzwischen scheint das Thema ADHS überall präsent zu sein. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Anzahl an ADHS-diagnostizierten Kindern gestiegen ist. Es liegt daran, dass sich inzwischen viel mehr Mütter und Väter selbst diagnostizieren lassen – und damit im Grunde ADHS-ADHS-Eltern sind: ADHS-diagnostizierte Eltern mit mindestens einem ADHS-diagnostizierten Kind.

Das ist eine Riesenchance, auch wenn es sich erstmal nach Riesenchaos anhört. Denn wenn ich eines aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Zusammenarbeit mit betroffenen Müttern sagen kann – Väter waren noch keine da, sind aber herzlich willkommen – dann das:

❤️ Es kommt auf die richtige Beziehung an, nicht auf die richtige Erziehung.

Ja, genetische Veranlagung ist eine Ursache. Und ja, genauso ist auch die Umgebung eine Ursache. Weder ist das eine „Schuld“ noch das andere. Weder ist die medizinische Versorgung durch Medikamente an sich schlecht, noch ist die Erziehung durch die Mütter schlecht, zu wenig Grenzen setzend, zu unruhig oder zu „weich“.

Das ist für die Mütter einerseits eine gute Nachricht: Sie tragen keine Schuld. Müssten sie also auch nicht tragen. Doch die meisten Mütter tragen genau das: Schuldgefühle. Gefühle von Versagen, von Kleinheit und Verzweiflung. Und das kann keine hilfreiche Umgebung für das Kind sein. Wer das nachlesen will: Gabor Maté, kanadischer Arzt, Autor und einer der bekanntesten Experten für Trauma, ADHS und Stress – er hat selbst ADHS – weist seit Jahren darauf hin, dass Frauen und Mütter sogenannte „emotional shock absorber“ sind. Sie fangen das auf und federn ab, was nicht richtig läuft. Es sei kein Wunder, dass so viele Mütter irgendwann psychisch erkranken oder total erschöpft sind. Wenn er damit recht hat – und vieles spricht dafür – bricht irgendwann das System Familie zusammen. Fachquellen zufolge ist die Scheidungsrate bei Paaren, die ein ADHS-Kind begleiten, bereits jetzt überdurchschnittlich hoch.       

📌 Was helfen kann

Und falls du selbst Mutter eines ADHS-Kindes bist – oder selbst ADHS hast: Was jetzt kommt, war für viele Mütter, mit denen ich gearbeitet habe, ein echtes Aha. Zum Beispiel, dass dein Kind seinen Ausraster hinterher wirklich nicht erinnert. Oder dass ein Handy in diesem Moment mehr helfen kann als jede Erziehungsstrategie.

Vielleicht ist es eine gute Idee, darüber nachzudenken, wie wir nicht die Erziehung, sondern die Beziehung verbessern. Das verändert die Perspektive komplett. Dazu möchte ich einladen – anhand des Beispiels „Ausraster im Supermarkt“.

Viele ADHS-Kinder können hinterher nicht nachvollziehen, was passiert ist – nicht weil sie lügen, sondern weil sie im Ausraster keinen Zugang zu ihrer eigenen Wahrnehmung haben. Interessant dabei: Sie wissen hinterher oft selbst nicht, was passiert ist – was sie gesagt oder getan haben. Es ist also wirklich ein Aus-Rasten. Wenn sich das Kind irgendwann beruhigt hat, ist es meist selbst fix und fertig. Es soll sich für etwas entschuldigen, an das es sich kaum erinnern kann und ist gleichzeitig fertig, weil es die Kontrolle verloren hat. „Du entschuldigst dich jetzt sofort“ ist da also kein hilfreicher Satz. Daher kommt oft die Antwort, die selbst ernannte Erziehungsratgeber auf die Palme bringt: „Ich hab doch gar nichts gemacht!“ Aus Sicht des ADHS-Kindes durchaus plausibel – aber die Beziehung zwischen Mutter und Kind, und die zur Umgebung, ist gestört.

Wenn man sich löst von der Frage nach richtiger Erziehung und stattdessen schaut, was alle Beteiligten in dieser Situation brauchen, sieht eine Lösung möglicherweise so aus, wie ich es in meiner Coaching-Praxis immer wieder erlebe: Die Mutter könnte das Verhalten kurz mit dem Handy filmen. Das mag irritierend klingen. Wenn es jedoch vorher mit dem Kind abgesprochen wurde, kann es statt demütigend sogar unterstützend wirken. Hinterher lässt sich gemeinsam anschauen, was vorgefallen ist: „Schau mal, das ist passiert.“ Das erhöht unter Umständen die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind Verantwortung übernimmt, zum Beispiel repariert, was kaputt gegangen ist. Vor allem aber bekommt es Zugang zu etwas, woran es sich während des Ausrasters oft kaum erinnern kann.

Und die Umgebung? Die könnte zu der Mutter sagen: „Das ist sicher hart. Kümmern Sie sich in Ruhe um Ihr Kind – kommen Sie einfach morgen wieder, dann reden wir und gucken, wie der Schaden ist. Wir finden schon eine Lösung.“ Oder andere Mütter könnten einfach sagen: „Kenne ich. Nerven behalten. Ist gleich vorbei.“ Und lächeln. Irgendwie eine freundliche Beziehung herstellen – statt durch ungebetene Erziehungstipps noch zusätzlichen Druck aufzubauen.

📌 Bitte stresst die Mütter nicht

Hier kommt ein Gedanke, der mir besonders wichtig ist – und der wissenschaftlich gut belegt ist: Gestresste Mütter können gar keine „richtige Erziehung“ machen. Nicht weil sie es nicht wollen. Sondern weil es ihnen neurobiologisch unmöglich ist.

Was die Stressforschung seit Jahren zeigt: Unter akutem Stress schaltet das Gehirn in einen Überlebensmodus. Der präfrontale Kortex – der Teil, der für Regulation, Empathie, vorausschauendes Denken und kluge Entscheidungen zuständig ist – wird quasi abgekoppelt. Was dann übernimmt, ist das limbische System: Kampf, Flucht, Erstarrung. Keine dieser drei Optionen ist eine pädagogisch wertvolle Reaktion auf einen Supermarkt-Ausraster.

Das bedeutet: Wer eine Mutter in einer eskalierten Situation mit Ratschlägen überhäuft oder bewertet, verhindert aktiv, dass sie eine gute Lösung findet. Nicht weil sie zu dumm oder zu faul wäre. Sondern weil ihr Gehirn in diesem Moment buchstäblich keinen Zugriff auf die dafür nötigen Ressourcen hat.

Gabor Maté beschreibt das, wenn er über Mütter als „emotional shock absorber“ spricht: Wer dauerhaft die Erschütterungen anderer auffängt ohne selbst aufgefangen zu werden brennt aus. Und ein ausgebranntes Nervensystem ist kein guter Boden für eine tragfähige Beziehung, geschweige denn für „richtige Erziehung“.

Die Konsequenz daraus ist eigentlich simpel: Unterstützt die Mütter. Vertraut ihnen und traut ihnen etwas Gutes zu, und gebt ihnen den Raum, den sie brauchen, um sich zu beruhigen. Dann kann ihr Gehirn wieder das tun, was es ohne Alarmzustand tun kann.

❤️

Eine Einladung – an alle

Wenn du gerade selbst in dieser oder einer ähnlichen Situation bist:

✅ Du machst nichts falsch.

✅ Du bist nicht zu unruhig, zu weich, zu überfordert.

✅ Du bist eine Mutter, die sich für sich und für ihr Kind einsetzt.

✅ Du verdienst Unterstützung statt Ratschläge.

Wenn du im Supermarkt oder sonst wo einen Ausraster oder „Meltdown“ erlebst, musst Du nicht wissen und raten, was zu tun ist. Manchmal reicht ein Lächeln.

Ein

❤️ „Ich kenn das.“

Ein

❤️ „Kann ich kurz helfen?“

Wir sind nicht alle Mütter – aber wir haben alle welche. Und irgendwo, irgendwann hat auch jemand für uns einfach nur dabeigestanden, ohne zu urteilen.

❤️ Genau das ist Beziehung.

Ich helfe dir dabei, liebevoll mit deinem Kind umzugehen und dich selbst dabei nicht zu vernachlässigen.

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